Förderbereich emotional-soziale Entwicklung

Definition

Nach der VOSB werden im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung Schülerinnen und Schüler gefördert, "deren emotionale und soziale Möglichkeiten noch weiterzuentwickeln sind, wenn alle vorbeugenden oder intervenierenden Maßnahmen der allgemeinen Schule nicht in dem Maße greifen, dass eine Beeinträchtigung und Selbst- sowie Fremdgefährdung vermieden werden können. Funktionsstörungen des Person-Umwelt-Bezuges oder einer Einschränkung der Fähigkeit zu sozial angemessenem Verhalten wird durch unterrichtliche und erzieherische Maßnahmen oder durch andere Hilfen begegnet. Individuelle, situations- und gruppenbezogene Hilfen und Verfahren dienen einer möglichst umfassenden und dauerhaften Teilhabe an Bildung und Erziehung in der allgemeinen Schule" (§7 Abs.2 VOSB).

Kind

Die Empfehlung der Kultusministerkonferenz 2000 definiert die Gruppe der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in diesem Bereich als Kinder und Jugendliche mit "Beeinträchtigungen der emotionalen und sozialen Entwicklung, des Erlebens und der Selbststeuerung [...], wenn sie in ihren Bildungs-, Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten so eingeschränkt sind, dass sie im Unterricht der allgemeinen Schule auch mit Hilfe anderer Dienste nicht hinreichend gefördert werden können" (KMK 2000).

Die Bedingungsfaktoren für das Entstehen eines besonderen Förderbedarfs im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung sind vielschichtig. Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass Beeinträchtigungen im Erleben und sozialen Handeln "[...] nicht auf unveränderliche Eigenschaften der Persönlichkeit zurückzuführen, sondern als Folge einer inneren Erlebnis- und Erfahrungswelt anzusehen [sind], die sich in Interaktionsprozessen im persönlichen, familiären, schulischen und gesellschaftlichen Umfeld herausbildet. Pädagogische Interventionen sind deshalb in erster Linie auf die Bereitstellung von Möglichkeiten zur Veränderung innerer Verhaltensmuster und zur individuellen Anpassung an äußere Rahmenbedingungen sowie auf den Erwerb und die Stärkung emotionaler und sozialer Fähigkeiten gerichtet" (KMK 2000).

Im Hinblick auf einen gestörten Person-Umwelt-Bezug sind vier Aspekte zu berücksichtigen:

  • Beiträge der Person (im Sinne einer auffälligen Persönlichkeit);
  • Beiträge der aktuellen Situation (etwa des Unterrichts, der Klassenatmosphäre, aber möglicherweise auch der aktuellen familiären Situation mit bestimmten Belastungen usw.);
  • Aspekte des Interaktionsgeschehens zwischen Person und Umwelt (beispielsweise das Zusammenkommen von Selbstunsicherheit und Überforderungssituationen);
  • Aspekte der Außenwahrnehmung durch Pädagogen (etwa, wodurch sich eine Lehrerin gestört fühlt, welche Verhaltenserwartungen an Schüler sie hat usw.) (vgl Stein 2011, S. 325).

Stufen der Prävention Förderschwerpunkt emotional/soziale Entwicklung


Lernbedürfnisse

Das Spektrum der Auffälligkeiten von Schülerinnen und Schülern mit besonderem Bedarf im Bereich der emotionalen und sozialen Entwicklung ist breit gefächert. Es umfasst soziale Auffälligkeiten, also die bewusste oder zwanghafte Verletzung geschriebener und ungeschriebener Regeln des menschlichen Miteinanders. Beispielhaft seien hier aggressives und aufdringliches Verhalten, gewalttätige oder zerstörerische Handlungen, Schulvermeidung oder kriminelles Überschreiten von Grenzen genannt.

Ebenso gehören Besonderheiten in der emotionalen Wahrnehmung hierzu, wie extrem rücksichtsloses und unbekümmertes Verhalten, aber auch übertriebene Ängstlichkeit, Stimmungsschwankungen, depressive Gefühle oder die Empfindung der eigenen Minderwertigkeit. Weiterhin sind psychomotorische und psychosomatische Auffälligkeiten zu nennen, beispielweise eine hohe motorische Unruhe, geringe körperliche Belastbarkeit, häufige Erkrankungen und Suchtverhalten. Schließlich zählen auch Störungen im Leistungsverhalten dazu. Dies können Leistungsversagen oder -schwankungen sein, die durch das Fehlen von Konzentration, Merkfähigkeit, Antrieb, Selbsteinschätzung, etc. entstehen. Die Beispiele der einzelnen Bereiche erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Diese enorme Bandbreite von möglichen Auffälligkeiten legt nah, dass es eine ebenso große Vielfalt möglicher Lernbedürfnisse gibt und hier keine umfassenden Empfehlungen getroffen werden können. Grundsätzlich kann jedoch gesagt werden, dass die intensive Beobachtung des Verhaltens und der umfassende Austausch mit allen Beteiligten (Kind-Umfeld-Analyse) Grundlage jedes präventiven oder intervenierenden Arbeitens sind.

Beobachtungen liefern wichtige Erkenntnisse über die Art und Ausprägung, die Bedingungen sowie Entwicklung des auffälligen Verhaltens. Sie sollten schriftlich festgehalten und im kollegialen Austausch ausgewertet werden. Das Gespräch mit allen, an der Erziehung des betreffenden Kindes Beteiligten, gibt einen Einblick in die systemische Struktur, die das Verhalten bedingt oder beeinflusst.

Weitere Maßnahmen im schulischen Kontext sollten vom Ergebnis der zuvor genannten Schritte abhängig gemacht werden. Sie müssen auf den Einzelfall bezogen ausgewählt, ausreichend lange durchgeführt und im Ergebnis reflektiert und ggf. fortgeführt oder verändert werden. Allgemein können folgende Bereiche möglicher Maßnahmen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) genannt werden:

Das Schaffen einer vertrauten Umgebung kann durch feste Rituale und wiederkehrende Abfolgen im Tagesablauf wenige und feste Bezugspersonen, die eine Beziehung zu dem Kind aufbauen und Hilfe anbieten, intensivere Aufsichten, ein reizarmes Lernumfeld, bereits zur Entspannung der Situation beitragen.

Kind

Regelmäßige Absprachen und verbindliche Vereinbarungen mit der Schülerin oder dem Schüler, innerhalb des Kollegiums der Klasse oder der Schule, mit dem Elternhaus sowie unter Beteiligung von Fachkräften (z.B. Sonderpädagogen, Schulpsychologen, Sozialpädagogen, etc.) ermöglichen eine verlässliche und berechenbare Erziehung. Das Verdeutlichen von Regeln sowie die verlässliche Anwendung von Konsequenzen (z.B. pädagogische Maßnahmen, Ordnungsmaßnahmen, etc.) unterstützen dies ebenfalls. Ebenso wichtig sind jedoch die Wertschätzung des Kindes und die Verstärkung positiver Entwicklungen durch gezieltes Loben, Verstärkersysteme und regelmäßige Rückmeldungen.

Alle Beteiligten benötigen oftmals eine Entlastung. Das Kind kann durch differenzierte Angebote, Auszeiten oder alternative Beschäftigungen entlastet werden. Gelegentlich ist die zeitweise oder dauerhafte Versetzung in eine ruhigere oder kleinere Lerngruppe sinnvoll. Unterstützungen für betroffene Lehrerinnen und Lehrer können durch das Kollegium organisiert werden.

Schließlich wird die fachliche Weiterentwicklung des gesamten Kollegiums durch Pädagogische Tage, Konferenzen mit entsprechendem Schwerpunkt und die Kooperation mit anderen Einrichtungen (z.B. Schulen mit dem jeweiligen Förderschwerpunkt, Jugendamt, Kinderschutzbund, etc.) immer bedeutsamer.


Diagnostik

Diagnostische Verfahren werden im Bereich der sozial-emotionalen Förderung als untergeordnete Arbeitsverfahren eingestuft. Normierte und standardisierte Testverfahren geben begleitend Hinweise auf Vermutungen im Bereich der sozialen und emotionalen Verfassung von Kindern und Jugendlichen und unterstützen den Förderprozess hinsichtlich der Abgrenzung zum Förderschwerpunkt Lernen.

Im Mittelpunkt der sozial-emotionalen Diagnostik steht eine individuelle und auf den Themenkontext ausgerichtete Kind-Umfeld-Analyse. Gezielt eingesetzte Intelligenz- oder Leistungsdiagnostik nimmt in diesem Förderbereich eine Rolle ein, die gezielte Fragestellungen ergänzt.